Autor: Roland Tichy – Erschienen im Januar 2026 in Tichys Einblick
Trotz konjunktureller Stagnation entwickelte sich der Deutsche Aktienindex 2025 zum Highflyer unter den internationalen Börsen. Daniel Stüssi, Chef des Schweizer Sachwertspezialisten RealUnit, glaubt, dass sich diese Entwicklung nicht wiederholt. Welche Weichen für Ihr Geld Sie jetzt stellen sollten.
Tichys Einblick: Herr Stüssi, was sind die größten Herausforderungen für Anleger im Jahr 2026?
Daniel Stüssi: Der weitere Anstieg der bereits hohen Staatsverschuldung vieler westlicher Länder dürfte 2026 die Marktunsicherheit erhöhen und den Handlungsspielraum der Zentralbanken erneut in den Fokus rücken. Unser Unternehmen – RealUnit – erwartet, dass sich ein Teil der Anleger schrittweise von Anleihen lösen und stärker in Sachwerte wie Gold oder wertorientierte Aktien umschichten wird. Unsere Modelle deuten auf ein Ende des Liquiditätszyklus etwa zur Jahresmitte 2026 hin. In einem solchen Umfeld könnten Risikoanlagen wie Kryptowährungen und stark wachstumsorientierte Aktien als erste unter Druck geraten, bevor sich die Korrektur auf weitere Assetklassen ausweitet. In Deutschland rechnen wir mit einer Beschleunigung der Insolvenzdynamik, da tragfähige wirtschaftspolitische Impulse außerhalb von Infrastruktur und Verteidigung bisher fehlen. Solange die Schweizerische Nationalbank ihrem Stabilitätskurs treu bleibt, dürften US-Dollar und Euro gegenüber dem Schweizer Franken weiter an Kaufkraft verlieren.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Zyklus“: Gibt es wirklich gleichbleibende Rhythmen bei Kursen und Wertentwicklungen?
Die Theorie der Zyklen besagt, dass es eine rhythmische Abfolge von Auf- und Abstiegen in der Wirtschaft gibt. Die meisten kennen den Kreditzyklus. Es gibt aber auch noch den langfristigen Kondratjew-Zyklus und den kürzer laufenden Liquiditätszyklus. Die drei Zyklen beschreiben unterschiedliche Ebenen derselben Dynamik. Der Kreditzyklus zeigt, wie Phasen leichter Kredit- vergabe Wachstum antreiben und spätere Kreditverknappung Abschwünge auslöst. Der Liquiditätszyklus beschreibt, wie Zentralbanken durch mehr oder weniger Geldangebot diese Bewegungen verstärken oder dämpfen. Der Kondratjew-Zyklus bildet den sehr langen technologischen Grundrhythmus, der bestimmt, wie produktiv eine Volkswirtschaft überhaupt wachsen kann. Zusammen wirken sie wie Wellen verschiedener Größe. Ein Beispiel ist 2008: Ein überdehnter Kreditzyklus platzte, die Liquidität wurde stark ausgeweitet und leitete den nächsten langen technologischen Aufschwung ein.
Welche Zyklen überlagern sich jetzt oder gleichen sich in der Wirkung aus?
Das sind Liquiditätszyklus, Schuldenzyklus, Kondratjew-Zyklus, Hegemonialzyklus und Kriegszyklus. Immer wenn diese in der Vergangenheit konvergierten, kam es zu gewaltigen Veränderungen, wie zuletzt zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Unsere Szenarioanalysen deuten in den nächsten drei Jahren auf erhöhte Rückschlagrisiken an den globalen Finanzmärkten hin. Ein professionelles Risikomanagement ist in dieser Phase sehr wichtig. Nach unserer Auffassung erhält man ein Vermögen über Generationen nicht durch eine Gewinnmaximierung in ruhigen Zeiten, sondern indem man in volatilen Zeiten weniger verliert. Dies ist der RealUnit- Sachwertstrategie in den vergangenen 25 Jahren auch während der Finanzkrise 2008 gelungen.
Bleiben Edelmetalle, insbesondere Gold und Silber, im Aufwärtstrend?
Aufgrund der erwähnten hohen Staatsverschuldungen und expansiven Geldpolitik der Zentralbanken profitieren knappe Sachgüter wie Gold und Silber vom Vertrauensverlust in Anleihen. Die RealUnit Schweiz AG hat die Zielsetzung langfristiger Werterhalt, hohe Krisenresistenz und Schutz des Privateigentums. Unser Aktionärsvermögen ist per Ende 2025 deshalb in rund 30 Prozent physisches Gold und 14 Prozent physisches Silber investiert. Unsere Edelmetalle sind in Hochsicherheitslagerstätten in der Schweiz außerhalb des Bankensystems verwahrt. Wir denken langfristig und sehen bis 2030 einen weiteren Wertzuwachs der zwei Edelmetalle aufgrund des anhaltenden Kaufkraftverlusts des Euro.
Warum ist Silber, das ja nicht als Stabilitätsanker für Zentralbanken oder als Zahlungsmittel gilt, jüngst so stark angesprungen?
Beim Silber liegt die jährliche Produktionsmenge aktuell klar unter der industriellen Nachfrage. Rund 60 Prozent der Silberproduktion wurden 2025 für Industriegüter und nur rund 40 Prozent für Schmuck und Barren verarbeitet. Silber wird für die Produktion von Solarpanels, für Batterien, elektrische Anwendungen, Waffensysteme und Satellitentechnik gebraucht. Kürzlich haben die USA Silber als einen systemrelevanten kritischen Rohstoff eingestuft. Sie stützen damit Lieferketten und fördern Silberminen. Für gewisse Anleger könnte es im Rahmen der persönlichen Vorsorge sinnvoll sein, Silbermünzen als Tauschmittel in einer Krise zu Hause zu haben.
Die Renditen der deutschen Bundesanleihen sind zuletzt wieder gestiegen. Warum?
Die Renditen deutscher Staatsanleihen könnten weiter steigen, weil Investoren trotz sinkender EZB-Leitzinsen die Bonität des Bundes neu einschätzen und höhere langfristige Risikoaufschläge verlangen. Die stetig wachsende Schuldenaufnahme erhöht das Anleiheangebot und zwingt den Staat, Investoren mit höheren Renditen zu entschädigen. Inflationsrisiken und die große Unsicherheit bezüglich der zukünftigen Haushaltsführung verstärken diese Prämien. Der Trend steigender Zinsen ist übrigens ein weitverbreitetes Phänomen im überschuldeten Westen. Steigende Zinsen machen Bundesanleihen im Prinzip nominal attraktiver, führen jedoch zu fallenden Kursen. RealUnit verzichtet auf Staatsanleihen, weil das Unternehmen aus grundsätzlichen Überlegungen zur Verwendung öffentlicher Mittel eine Beteiligung an staatlicher Verschuldung ablehnt.
Wieso das? Wollen Sie an der Staatsverschuldung nicht mitverdienen?
Nein. RealUnit strebt nach einer größtmöglichen Unabhängigkeit von Staat und Banken. So haben wir rund 60 Prozent unserer Vermögenswerte außerhalb des Bankensystems verwahrt. Wir denken in Extremszenarien und möchten das uns anvertraute Aktionärsvermögen bestmöglich schützen. Dabei fokussieren wir auf Sachwerte. Staatsanleihen passen nicht in unser Portfolio, denn die Geschichte hat gezeigt, dass am Ende eines großen, multi- generationalen Schuldenzyklus oftmals der Staatsbankrott droht.
Frankreich und Großbritannien gelten mittlerweile als Länder, die nahe an einer Finanzkrise stehen. Was bedeutet das?
Frankreich und Großbritannien gelten vielen Experten als finanziell gefährdet, weil ihre hohen Staatsschulden und wachsenden Haushaltsdefizite das Vertrauen der Märkte schwächen. Steigende Zinsen verteuern die Kreditaufnahme, wodurch beide Staaten in einen möglichen Teufelskreis aus höheren Finanzierungskosten und noch größerer Verschuldung geraten könnten, was typisch wäre für die nächste Phase im Kreditzyklus. Gleichzeitig erschwert politische Unsicherheit – in Frankreich durch innenpolitische Spannungen, in Großbritannien durch das seit 2022 beschädigte Marktvertrauen – die notwendige Reformen. Investoren verlangen daher zunehmend höhere Risikoprämien, was die Anleihemärkte beider Länder unter Druck setzt. Bei einem Zahlungsausfall von Frankreich droht die nächste Eurokrise. Die Schätzungen reichen bis in den hohen dreistelligen Milliardenbereich, was schlussendlich erhebliche finanzielle Auswirkungen für die Eurozone einschließlich Deutschland hätte – mit den entsprechenden möglichen Konsequenzen für die Steuerzahler.
„Bei einem Zahlungsausfall von Frankreich droht die nächste Eurokrise. Die Schätzungen reichen bis in den hohen dreistelligen Milliardenbereich“
Welche Rolle spielt die EZB?
Die EZB spielt eine zentrale stabilisierende Rolle, wenn einzelne Eurostaaten, wie etwa Frankreich, unter Druck geraten. Die EZB kauft am Sekundärmarkt Staatsanleihen auf, die institutionelle Marktteilnehmer nicht mehr erwerben wollen, wodurch sie die Nachfrage künstlich stabilisiert und einen Vertrauensverlust verhindert. Durch diese Anleihekäufe der EZB erweitert sich jedoch die Geldmenge, was mittelfristig die Inflation erhöht. Dies funktioniert jedoch nur noch so lange, wie die Bürger das Vertrauen in den Euro und die EZB bewahren. Nach unserer Einschätzung nimmt das Vertrauen ab. Mit der Einführung des digitalen Euro dürfte das neue Geldsystem bereits in Vorbereitung sein.
Welches neues Geldsystem?
Mit der Einführung des digitalen Euro wird eine neue CBDC, also eine Blockchain-basierte Zentralbankenwährung, durch die EZB eingeführt. Das heutige „digitale Geld“ auf dem Bankkonto ist hingegen Giralgeld. Der digitale Euro bietet der EZB und der EU-Zentrale viele neue Vorteile. Einerseits werden sämtliche Transaktionen in einer zentralen Datenbank geführt, was die Transparenz der Ausgaben der Bürger erhöht. Andererseits wird der digitale Euro programmierbares Geld. Möglich sind geografische Einschränkungen für die Zahlungen oder auch die Einschränkung des Verwendungszwecks. Damit könnte in Zukunft ein Lenkungsinstrument eingeführt werden. Denkbar ist auch die Einführung eines Verfallsdatums des digitalen Euro, um die Konsumausgaben zu fördern. Als freiheitsliebender Schweizer stehe ich diesen Möglichkeiten sehr kritisch gegenüber, da der digitale Euro die Freiheit der Bürger stark einschränken könnte.
Was sind die Konsequenzen für den Anleger?
Der Euro steht unserer Meinung nach vor einem erhöhten Kaufkraftverlust. Staatsanleihen gelten als weniger stabil als lange angenommen, weil steigende Renditen zu Kursverlusten führen können, sofern Anleger nicht bis zur Endfälligkeit halten. Viele Vorsorgeprodukte und Lebensversicherungen sind stark in Anleihen investiert und reagieren entsprechend empfindlich auf Zinsänderungen. Für private Sparer kann es sinnvoll sein, einen Teil der Vermögensstruktur geografisch zu diversifizieren, soweit dies rechtlich und praktisch möglich ist. Die Schweiz bietet mit politischer Stabilität und einer traditionell robusten Währung einen potenziellen Ergänzungsbaustein. Eine breitere Streuung über Sachwerte und eine Reduktion großer Bankguthaben kann das Risikoprofil zusätzlich verändern. Die RealUnit-Aktie ermöglicht einen unkomplizierten Zugang zu einem breit aufgestellten Sachwertportfolio in der Schweiz, ohne individuelle Titel auswählen zu müssen, und könnte für Anleger mit langfristigem Sachwertfokus – im Rahmen der persönlichen Anlageplanung – eine mögliche Ergänzung darstellen.
Die deutsche Wirtschaft schrumpfte in den vergangenen Jahren tendenziell, aber der DAX war einer der Gewinner des Jahres 2025. Wie kommt das?
Der DAX konnte stark steigen, obwohl die deutsche Wirtschaft schrumpft, weil er überwiegend aus globalen Großkonzernen besteht, die den Großteil ihrer Gewinne im Ausland erzielen und daher kaum von der schwachen Inlandswirtschaft abhängig sind. Ein schwächerer Euro und eine stabile Weltkonjunktur unterstützten zusätzlich die Exporterfolge dieser Unternehmen. Gleichzeitig handeln Aktienmärkte vor- ausschauend, sodass die Erwartung sinkender Zinsen und stabiler Unternehmensgewinne die Kurse nach oben trieb. Auch die global ausgerichteten Industrie- und Technologiewerte im DAX entwickelten sich deutlich besser als die stärker binnenorientierten mittelständischen Firmen. Insgesamt spiegelt der DAX eher die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Konzerne und die geldpolitischen Erwartungen wider als den Zustand der deutschen Gesamtwirtschaft.
Der Euro gilt vielen als eine Art „Teflon- währung“, weil am Kurs der EZB jede Kritik abperlt. Bleibt das so?
Und wie entwickelt sich der Dollar? Der Euro blieb 2025 trotz der schwachen deutschen Wirtschaft stabil, weil Investoren die gesamte Eurozone bewerteten und mehrere südeuropäische Länder robuste Wachstumsdaten lieferten. Die länger als erwartet hohen EZB-Zinsen erhöhten die Attraktivität europäischer Anlagen und zogen zusätzlich Kapital an. Steigende Renditen vieler Staatsanleihen führten zu weiteren internationalen Zuflüssen, auch wenn sie teilweise Risikoaufschläge widerspiegelten. Gleichzeitig belasteten politische Unsicherheiten und Erwartungen früherer Zinssenkungen den US-Dollar. Für 2026 rechnen wir mit deutlich höheren Marktschwankungen. Ein reines Buyand- Hold-Vorgehen wird unter solchen Bedingungen weniger tragfähig, da der Fokus stärker auf Risikosteuerung und Vermögenserhalt liegt.



